Manches wird sich einmal als falsch erweisen, aber die Aussicht auf künftige Korrektur darf den Versuch nicht verhindern, die Hilfsmittel der verschiedenen Wissenschaften auf das Problem der gegenwärtigen Gesellschaft und ihrer Widersprüche anzuwenden ... (Zeitschrift für Sozialforschung 1, 1932) Die Perspektive der Idee einer vernünftigen Einrichtung sozialer VerhältnisseWozu auch noch ein Verlag Westfälisches Dampfboot? Was ist hier der selbstgestellte Auf- und Beitrag, den Ausgang zu finden auf dem Markt oftmals sinnleerer verschriftlichter und zum Buch gemachter Eitelkeiten? Was treibt die Betreiber dazu, noch mehr jener Produkte zu produzieren, von denen ja Vertreter gesellschaftlich relevanter Kreise behaupten, sie könnten überhaupt nicht alle gelesen werden und was überhaupt dabei sozusagen hinten rauskomme? Nun, die Frage nach dem Wozu, nach Sinn und Zweck der zur Unternehmung gewordenen Dampfbootbücherproduktion läßt einfach abschreibend sich beantworten: um »aufklärend in die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen einzugreifen«. So sagt es jedenfalls stetig der Hinweis auf den Vorschauen für die jeweilige Halbjahrsproduktion. Doch halt, liest man genau, so ist da gar nicht von dem westfälischen Verlag aus Münster die Rede, sondern von jenem Blatt, das – anderthalb Jahrhunderte später namenspendend – im Vormärz schon versuchte, »aufklärend in die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen einzugreifen«. Das Dampfboot zitiert also mit seinem Verlagsnamen eine Tradition, an die anzuknüpfen es sich als Aufgabe gestellt hat. Bedeutet wird mit solcher Namengebung jedoch auch notwendig ein gesellschaftlicher Kontext, der weiterhin des aufklärenden Eingriffs bedarf. So weit, so schlecht? Aber nein: Wie gut, daß es das Dampfboot gibt! Aber ja doch: Wie schlecht, daß es das Dampfboot geben muß. Trotz alledem: Herzlichen Glückwunsch zum ersten Dezennium! Ja, das Dampfboot – das Dampfboot ist also seinem Selbstverständnis nach ein engagierter Verlag und hat sich, ganz Tendenzbetrieb, der ein Verlag im vorgefundenen Rahmen nun einmal ist, ein heute fast vergessenes Wörterbuch auf die Fahne geschrieben. In diesem Wörterbuch stehen an prominenter Stelle die Einträge Aufklärung, Interessenpolitik, Emanzipation, Kritik, Solidarität, Antagonismen, Krise, Internationalismus, Freiheit, Ideologie, Imperialismus, kritische Wissenschaft, Radikalität, Gleichheit, Herrschaft. Im Verweissystem des Lexikons wird man noch viele Dinge finden, die, ebenso prominent, dazugehören. Revolution und Reform etwa, Staat und Gesellschaft, Gesellschaft und Gemeinschaft, Sozialismus und/oder/statt Barbarei. Das ganze Universum der Zusammenhänge und Gegensätze, die Totalität des widersprüchlichen Ganzen, kurz das, womit es das sozialwissenschaftliche, das politische Buch letztlich eben zu tun hat: mit Geschichte und Gesellschaft, Personen und Parteien, Strukturen und Prozessen, Klassen und Schichten, Interessen und Kompromissen, Hinzen und Kunzen. Mit allem also, was menschlich ist und doch von Humanität nicht zeugt. Eine Politikwissenschaft, die nicht bereit ist, ständig anzuecken, die sich scheuen wollte, peinliche Fragen zu stellen, die davor zurückschreckt, Vorgänge, die kraft gesellschaftlicher Konvention zu arcana societatis erklärt worden sind, rücksichtslos zu beleuchten, und die es unterläßt, freimütig gerade über diejenigen Dinge zu reden, über die »man nicht spricht«, hat ihren Beruf verfehlt. Ernst Fraenkel In diesem Universum engagiert sich das Dampfboot aufklärerisch, würde wahrscheinlich im Wörterbuch ganz unbeliebig ordnen Inter- statt Nationalismus, Befreiung von konkretem Mißstand statt abstrakte Freiheitsforderung, radikale Kritik statt pragmatische Sozialdemokratisierung. Die Parteinahme ist dem Engagement eingeschrieben, für die Geknechteten, Entrechteten, gegen die Verhältnisse, die die verächtlichen Wesen machen. – So etwa jedenfalls macht man sich ein Bild von einem engagierten Verlag, welcher mit sozialwissenschaftlich orientierter Literatur politische Bücher mit wissenschaftlicher Parteilichkeit und entschiedenem Urteil auf einen Markt bringt, der allgemein nichts gegen solche Bücher hat, weil er sie zu bloßen Waren macht. Das Wozu seines Tuns hat der Verlag also eindeutig beantwortet, und die Zwänge, auch längerfristig, zum Beispiel eben zehn Jahre und noch viel mehr, Antwort geben zu können, sind dieselben, denen andere Verlage unterworfen sind. Das Besondere bei einem kleinen, engagierten, ja linken (nun ist's heraus) Verlagist, daß sein Programm diesen Zwang der Gegenwart reflektiert, ihn aufklären will, ja ihn abschaffen helfen will. Ein Unternehmen, welches mit Büchern wie mit beliebigen Produkten handelt, beantwortet die Frage nach dem Wozu eher automatisch: Es will Gewinn erwirtschaften und versucht das einfach mit dem, wovon es meint, daß es gewinnbringend verkauft werden kann. Über solche Unternehmen wollen wir aber hier nicht reden,auch nichts von ihnen hören. Die finden wir so oft wie abgedroschene Phrasen, die es wie Sand am Meer gibt. – Wie aber kriege ich nun die Kurve vom gemeinten Geburtstagsgruß ans Dampfboot zu einem einigermaßen akzeptablen Beitrag, der dem gelobten Verlag angemessen ist und der den geneigten Leser nach Abschluß dieser Lektüre zur Überzeugung führt, daß tatsächlich letztlich hinten etwas rausgekommen sei? Wie komme ich zu einem (ganz?) anderen Verlag, z. B. zu dem, bei dem ich arbeite? Da gut gemeint nur halb gewonnen und zur Entschuldigungseinleitungsformel geronnen ist, wahrscheinlich nur durch ein herbes Bremsmanöver, das uns mit Hilfe der hier nur kurz eingeführten Zeitmaschine in die Anfänge der Bundesrepublik zurückschleudert. Wir stoppen dann in der Gründerzeit der deutschen bundes- und demokratischen Republiken, sehen 1949 auch die Wissenschaftliche Buchgemeinschaft im Südwesten entstehen, die dem heute immerhin als Buchgesellschaft tätigen Verein seine Geschichte machen wird. Und was da so unter der Obhut des schon in der Zeitschrift für Sozialforschung treffend rezensierten Ernst Anrich zusammen- und hinten rauskommt, ist nicht nur die akademisch disziplinierte deutsche Wissenschaft, die das Programm machen soll, sondern auch die Wissenschaft, die im Zuge halb und also gar nicht geglückter Entnazifizierung nicht mehr an deutschen Universitäten stattfinden sollte. Manchen Unterschlupf und manches Überwintern von im wahrsten Sinne ausgedienter Wissenschaft gab es bei dem entstehenden Reprintverlag mit geschlossenem Publikum, und was anderes konnte erwartet werden bei einer Programmatik, die »durch Kriegseinwirkung« Verlorenes bei genügender Subskription wieder zugänglich machen wollte. Programmprofil wurde so von hier wie von da, vom »Verlag«, der damals noch bloß ein akademischer Buchklub war, wie vom Vereinsmitglied der verkäufliche wissenschaftliche Mainstream der Vor- wie Adenauerzeit. Das klingt verächtlich, ist aber nur in einem speziellen Sinn so gemeint: Über die satzungsgemäße »Neutralität« und »Objektivität« wurde früh ein inhaltliches Profil entwickelt, welches als konservativ zu bezeichnen manches Mal noch links danebentrifft. Die typischen Stärken der alten Programmschienen – in den Fachwelten kompetenten Überblick zu geben – in Reihen wie »Wege der Forschung«, »Texte zur Forschung«, »Erträge der Forschung«, »Grundzüge« und »Einführungen« waren zugleich die politisch-programmatisch entscheidenden Schwächen: Sie schrieben »objektiv« auf, was bis zum Erscheinen eines Titels Sache war, und sie mogelten sich in solcher Scheinneutralität um die konkreten gesellschaftlichen Interessen einer politisch neutralen, das Erkenntnissubjekt ausschaltenden und nur in ihrem Selbstbild objektiven Wissenschaft vorbei. Kurz: Die alte WB machte und vollstreckte als vom Selbstverständnis her unengagierter, d. h. auf Objektivität, Neutralität und Wertfreiheit selbstverpflichteter Verlag die »Anliegen« der Zeit. Die Parteilichkeit eines solchen sich der Unparteilichkeit verschreibenden Programms trat spätestens mit der Fritz-Fischer-Kontroverse offen zu Tage, als sich die WB – wie sie liebe- bis respektvoll genannt wird – mit ihrer Veröffentlichungspolitik auf die Seite der Fischer-Gegner stellte. Hier zeigte sich, daß die Ideologie der Ideologielosigkeit eben das Gegenteil kritischer Gesellschaftstheorie ist. Die ganze alte Geschichte ist aber in ihren Facetten besser in den alten Büchern nachzulesen, die in bundesrepublikanischen Aufbruchzeiten endgültig das Tendenziöse des nur scheinbar Tendenzlosen aufdeckten – Büchern aus engagierten, oft kleinen Verlagen, die sich bis vor kurzem (bis heute?) dafür auf die Schulter klopfen durften, die Bundesrepublik wenigstens auf westlich-aufgeklärtes Normalniveau zu heben mitgeholfen zu haben. Bücher, Programme, Reihen und Verlage, die Aufklärung im Sinn hatten, haben geholfen, den vielzitierten Muff unter Talaren, zwischen Buchdeckeln und allenthalben riechbar und unausstehlich zu machen. Die Beantwortung der Frage nach dem Wozu von Engagement scheint also eindeutig zu sein: Hilft es nicht zu einer Revolution, so doch zu einer Studentenrebellion, die die vermuffte Gesellschaft (und ihre Medienwelt) so aufschreckt, daß sie aus eigenem Interesse die Kritik hier und da aufnimmt, um sich selbst erneuert zu erhalten. Freilich hilflos steht dann der Aufklärer dabei, dem die Reform einen Streich gespielt haben mag, der ihm vielleicht gar nicht so unrecht war (ist?). Die Spanne, die Differenz zwischen radikaler Kritik und konkretem Fortschritt mag manchem Engagement die Erfolge betonen, dem anderen das Scheitern erkennen lassen. Das Zwischenspiel von Wut und Trauer, Hoffen und Bangen, Kaufen und Sichkaufenlassen ist dann ja sattsam bekannt.Vom kritischen Aufbruch zur realistischen Wende Damit sind wir auch schon beim neuen alten Hauptproblem. Wie ist das heute mit Wissenschaft und Parteilichkeit, mit Bildung und Herrschaft, Moderne und Postmoderne, Kritik mit wissenschaftlichen Mitteln, Eingriffen, Stichworten und historischem Bewußtsein? Was ist links?, fragt die FAZ und Rotbuch fazzt's zusammen; was ist rechts?, fragt die FAZ und sucht die neuen (nationalen) Grenzen. Die ZEIT steht wie immer nicht daneben, sondern in der Mitte und fragt: Was heißt heute noch liberal? Nach der ausgefallenen Gründungsdebatte einer neuen Bundesrepublik in veränderter globaler Konstellation nimmt sich die Öffentlichkeit also der geistigen Situation einer brutalisierten (Straßen-)Politik an. Und die neuere WB fragt engagiert für den Kontext von gesellschaftskritisch aufgeklärter Wissenschaft: Wozu Politikwissenschaft? Wozu noch Soziologie? Was heißt Rassismus? Was sind die zeitdiagnostischen Aufgaben einer jeden wissenschaftlichen Disziplin? Wer nicht fragt, bleibt dumm, heißt es im Kinderfunk; aber die Antworten, die man kriegt, bleiben natürlich auch ein Kriterium. Sowie man aus Schaden nur klug werden soll, bleibt doch das Gelingen eine Unmöglichkeit in dieser unserer schadhaften, ja geradezu schadstoffreichen und zugleich schadstoffarm (gar nicht mehr -frei?) sein wollenden öko-ökonomisch umzubauenden Industriegesellschaft des Spätkapitalismus. Trotzdem »brachen« »im Wendejahr 1989« aber »die kommunistischen Diktaturen Osteuropas zusammen. Die offene Gesellschaft ging siegreich aus dem Kalten Krieg hervor. Doch just in der Stunde des Liberalismus stellt sich für viele die Frage: Was heißt heute noch liberal?« Diese wurde »von Robert Leicht« in der ZEIT vom 3. Juni leichthin zum ohnehin nicht ersten und letzten Mal in aller Fragwürdigkeit beantwortet. Schon die Frage selbst kommt aus einer sinnfrei-formal selbstdefinierten Mitte des verantwortungsfülligen Wir-Gefühls als Reaktion auf die relevanten discussions, what's denn nun right and what's left sei. Die Mitte muß freiparlamentiert werden von den formal total gleichgemachten Extremen rechts wie links. Da sind nicht nur wie gehabt die »rechten Diktaturen von Hitler über Mussolini, von Salazar über Franco [und nun nicht 'bis zu', sondern:] und die griechischen Obristen« gleichgesetzt mit den »kommunistischen Regimen im Osten«, da gibt es nicht nur die wider untrügerischem Augenschein durchgesetzte politische Farbenleere (rot = braun, außen grün = innen rot, und eine Honigmelone ist dann schon gelblich), fröhliche Urständ feiert auch die Legende der zwischen Extremen zerriebenen Weimarer Republik, was als Angstbild zwar die Gefahr von rechts heute betonen muß im Wissen um den Fortgang der Geschichte, dabei aber keine Schwierigkeiten hat, die behauptete eigene Mitte in der neuen Spiraldrehung der Selbstbehauptung zurechtzurücken und als »Sachfrage und Interessenslage« zu tabuieren. Liberalismuskritik und Kritik eines antitotalitären Konsenses der Nation soll ebenso Tabu sein wie Antikapitalismus und Antifaschismus. Das formalisierte Denken erst in Rechts-mitte-links-Konstellationen macht dessen Klischee, das Aussparen der Frage nach den materialen Inhalten macht auch heute die stattfindenden Diskussionen zu einem bloßen Verfahren – des Ausschlusses, nicht der Aufklärung. Die Soziologie befaßt sich vielfach nur mit der Beschreibung des Faktischen; die politische Theorie mit der Wahrheit. Die Wahrheit der politischen Theorie ist die Freiheit. Daraus ergibt sich ein grundsätzliches Postulat: da keine politische Ordnung die politische Freiheit vollkommen verwirklichen kann, muß die politische Theorie immer kritisch sein. Eine konformistische politische Theorie ist keine Theorie. Franz L. Neumann Um die Diskussion in idealen Bahnen zu halten, wird der Weg zur geschehenen Geschichte einfach abgeschnitten: »Aber wozu so viele mörderische Umwege [meint: die rechten und linken Diktaturen] zur Einsicht, die schon am Anfang [der bürgerlichen Ordnung] hätte stehen können: daß nur in einer pluralistischen, in einer liberalen Gesellschaft die Probleme der Neuzeit friedlich zum Ausgleich zu bringen sind?« Alle Geschichte, alle Opfer wie Täter weggewischt mit dem Hinweis: Wäret ihr bloß dem Liberalismus gefolgt, dann wär' das alles nicht passiert! Nach dem damaligen 68er-Aufbruch zu neuen Ufern z. B. mit den »Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft« und denen anderer, aller Disziplinen ist heute wiederum ein Wendepunkt erreicht, auf den seit Mitte der 80er Jahre zugesteuert wurde. Und »nur zu rasch sollte sich bewahrheiten, was 1872 der gewiß konservative Schweizer Historiker Jacob Burckhardt aus der politischen wie intellektuellen Distanz zum deutschen Reichspatriotismus spöttisch voraussagte: die deutsche Historikerzunft hat nach der Reichsgründung tatsächlich 'die ganze Weltgeschichte von Adam an siegesdeutsch angestrichen und auf 1870/71 orientiert'«, schrieb Imanuel Geiss 1974, und auch heute scheint kritische Wissenschaft wieder zu einer Wunde in der dickbäuchigen Bundesrepublik geworden zu sein. Kritische Wissenschaft (und die wollen »wir alle« ja nun mal verlegen) gilt, wenn nicht weiterhin – wie im günstigen Fall – als schmerzhafter Stachel im Fleisch des Objektivismus, dann gleich als gleichsam fachfremd und ehrenrührig, als Politik (gegen den Zeitgeist) eben; ganz verschwiegen bleibt dabei nur noch das eigentliche Ziel, die wirkliche Bestimmung des akademischen Geistesbetriebs: daß nämlich Emanzipation befördernde Kritik (mit wissenschaftlichen Mitteln) erst die Wahrheit historisch-kritischen Forschens ausmacht. Der Totalitarismus einer auf Wahrheit verpflichteten Gesellschaftskritik ist wahrscheinlich nicht so totalitär wie die repressive Toleranz einer Wissenschaftsgemeinschaft, die im Bekenntnis zum Methodenpluralismus ihre Arbeit im Ethos des »Was machbar ist, wird gemacht«- Konsenses differenzierend definiert. Ihr Zweck ist Selbstgenügsamkeit und Ausgrenzung als tolerierte Ausdifferenzierung, während jene noch einen selbstgestellten Auftrag erinnert: Ausgang aus falschverstandener Mündigkeit. – »Ernsthafte Aufarbeitung« der Vergangenheit und Aufklärung über gesellschaftliche Verhältnisse können nicht ohne die Reflexion auf eine Gesellschaft stattfinden, welche sich gerade wieder einmal dazu entschließt, in die Zukunft zu marschieren ohne Erinnerung, ohne Bewußtsein der in ihr waltenden Dialektik von Kultur und Barbarei. Die prinzipiellen Ansprüche einer Neuen Wissenschaft – die vor zwanzig und mehr Jahren angestrebt wurde – sind wert, neu ins Bewußtsein gerufen zu werden. Sie verdeutlichen zudem manche Stagnation und zeigen nicht zuletzt, daß bloßes Fortschreiten des Kalenders durchaus mit Rückschritten im Geiste gekoppelt sein kann, z. B. wenn es um die Wiederkehr der »historischen Methode« geht, um konfuses Methodengemixe oder um die strategische Frage, wer oder was revolutionär genannt werden kann. Die postmoderne Hintergrundideologie ist nicht mehr die des sich als objektiv mißverstehenden Historismus, sondern eine balancierte Vielfaltsmenge, in der sich einige Elemente mit dem Hinweis profilieren können, daß man ja noch bitte schön fragen dürfe, oder ob der linksliberale Mainstream, der behauptete kulturelle Hegemon, das auch schon verboten hätte. – Jedenfalls, der Provokanten Schwäche korrespondiert die Blässe der Gegenargumentanten, und interessant bleibt oft nur, worüber sie alle, zusammen und darin gemeinsam, schweigen. Liest man in den Kinderjahren der neuen Weltordnung mal nach, wo sich kritische Wissenschaft heute befinden sollte, so kommt man nicht umhin zu zitieren, daß auch diese Geschichte allemal dasselbe war, nämlich Vorgeschichte einer Utopie gebliebenen Utopie. Und das wiederum hätte Auswirkungen auf die Kritik, auf die Mittel zur Emanzipation, weil ja der fast gänzliche Ausfall eines utopischen Horizonts, einer Geschichtsphilosophie, einer Erlösungshoffnung deren gegenwärtige Arbeit in Produktion und Rezeption affizierte. Aber, nur leicht akzentuiert, immer noch bleibt es so, daß die Kritik des Historischen das Potential der Tradierung ist. Zur Dialektik von Kursbuch und Zielvorstellung Sozialwissenschaftliche Theoriebildung und Forschung erhält immer noch erst in der Reflexion auf den historisch-politischen Ort, an dem sie (ent)steht, und durch die historisch-kritische Rekonstruktion der Problemlage, innerhalb deren ihr Gegenstand sich bewegt, Erkenntnis- und Wahrheitswert. Spezifischer: Nur, wenn der Sinn der Beschäftigung mit Geschichte und Gesellschaft nicht abhanden gekommen ist, entwickeln sich relevante Fragestellungen, welche die Potentialität von Geschichte und Gegenwart einklagen und nicht nur deren Faktizität behaupten. Nur, wenn Geschichte als Prozeß (emphatisch: der noch ausstehenden Menschwerdung) begriffen wird, findet Wissenschaft als Aufklärung in politischen und sozialen Umbruchzeiten statt. Ist es anders, funktioniert Wissenschaft als Ideologie. – Solche Selbstverständlichkeit, solche Ansicht (daß Erkenntnis ein Interesse hat) mußte erkämpft werden gegen Positionen, welche vorgaben, überhaupt nicht Position zu beziehen und beziehen zu dürfen. Weltanschauliche Neutralität, Objektivität und Wertfreiheit hießen die Kampfbegriffe einer Zunft, welche sich in ihrer überwältigenden Mehrheit bis Ende der 60er Jahre weigerte, Engagement und Parteilichkeit, so sie explizit formuliert wurden, überhaupt für den Wissenschaftsbetrieb zuzulassen. Herrschaftslegitimation oder Ideologiekritik, so hieß die Alternative, mit der zu Zeiten der Studentenbewegung angehende Wissenschaftler konfrontiert waren. Und wesentlich, im tiefsten Grunde wie auf höchsten Wipfeln, hat sich daran nichts geändert. Heute finden wir einen Wissenschaftsbetrieb vor, in dem sich seit dem Aufbruch zwar manches getan hat, der aber auch den eigenen Anspruch nicht nur der Revolutionierung des akademischen Bereichs, sondern vor allem der Gesellschaft schlichtweg vergessen zu haben scheint. (Nun, die Verhältnisse, auch die außerparlamentarisch-oppositionellen, sind auch nicht so.) Die Kritik, die emphatisch gemeint war, bezogen auf eine »Gesamtgesellschaft«, hat sich reduziert auf eine gleichsam interne Kritik. Dann geht es nicht mehr um die Totalität gesellschaftlicher Verhältnisse und ums Glück für alle, sondern um Methoden, Theoriemodelle und Detailkritik. Nicht mehr um Kritik interessegeleiteter Politik in Geschichte und Gegenwart, sondern um die Abwägung von historischen und aktuellen »Lösungen« zu Sachfragen. Dann hat sich die Tradition in der Form durchgesetzt, daß Kritik kritisch wird, konstruktiver Bestandteil dessen, was ehemals wahre Kritik als falsches Ganzes verworfen hatte. – ... der Positivismus ist ihre Wissenschaft. Die Löschung des Geschichtsbewußtseins wird somit noch schneller besorgt, als es die gewaltige Veränderung der objektiven Bedingungen veranlaßt, das veitstanzartige Vorwärtsschreiten der historischen Zeit. Wie in vielem besorgt auch hier eine bildungslose Linke die Geschäfte des Kapitalismus. Heinz-Joachim Heydorn Unbekömmlich und reizend ist – neben Altbackenem, Petrifiziertem und durch Steinschlag dumpf Erwachtem – manche »realistische« Wende der akademisch gewordenen Achtundsechziger, eine genaugenommen – von heute aus gesehen – vorgezeichnete Wende, welche damalige »künftige Wissenschaft« wieder etablierte »Normalwissenschaft« sein läßt. Der ehemalige Anspruch der Kritik, mehr zu wollen als wahre Wissenschaft, nämlich auch deren Bedingung: eine globale Gesellschaft der Freien und Gleichen, muß mit der Lupe, wenn nicht gar mit dem Mikroskop gesucht werden. Nicht mehr Lernen aus Erfahrung und in aktuell fortwesenden Verhältnissen, sondern Handhaben scheinbar sicheren Wissens ist die schleichende Konsequenz des Weges von der Kritik zur bloßen Wissenschaft. Handhabung dessen, was uns dann eigentlich nichts mehr angeht. Sozialtechnische Begutachtung von Totem. Wir sind so ziemlich am Ende – um nicht zu sagen hinten, wo's ja rauskommen soll – angekommen, vom schleichenden Vergessen des eigenen Anspruchs habe ich letztlich berichtet, aber auch von schönen Gärten auf dem Boden, aus dem Geschichte bisher kroch, und habe doch nur Bruchstücke zusammengetragen, welche in Zeiten neuen, gar Querdenkens alten Ansichten von Kritik und historischem Bewußtsein zu schaffen machen. Wollen wir zusehen, daß sie einen Publikationsort finden: beim Dampfboot, der Buchgesellschaft oder wo es sonst noch schön ist bzw. heiter werden kann. P. S.: Grüßen möchte ich (ehe wir nun wieder buchmessentechnisch nach Uli Becker »messen, wer den längsten hat«) an dieser Stelle alle Bekannten, Verwandten und Freunde, um auch hier letztlich die Überlegenheit des Buches auch für zweifelhafte Situationen gegenüber sowieso zweifelhafteren Medien zu dokumentieren. P. P. S.: Und damit da keine Mißverständnisse aufkommen: Wissenschaft, das Medium der Autonomie, bleibt auf theoretische, nicht politische Kriterien verpflichtet, so sie nicht ihre Selbstauflösung betreiben will.